Mittwoch, 15. Mai 2013

IM SCHLAGLICHT: Der 7000 Quadratmeter-Spielplatz

zu: "Olympus OM-D: Photography Playground" in den Opernwerkstätten, Berlin // bis 24. Mai 2013

Einen Sinn für kluge Schachzüge beweist der Hersteller Olympus derzeit in Berlin: Man stelle eine gute Digitalkamera zur Verfügung, präsentiere 12 Installationen internationaler Künstler in einer der vielen mehr oder minder verlassenen Industriehallen der Stadt und lade stadtweit mit A1-Plakaten Fotografie-Begeisterte dazu ein, die besondere Szenerie nach eigenem Gutdünken einzufangen. Die Speicherkarte darf man behalten – das ist Photography Playground. Et voilá: der Rest erledigt sich dank viralem Marketing von selbst. 
Auch ich habe natürlich zur Kamera gegriffen...
Im Netz kursieren bereits zig dieser Amateur-Aufnahmen, auch zu einem Wettbewerb hat der Veranstalter eingeladen. Die Olympus OM-D, eine Systemkamera der neusten Generation, darf (und soll) man sich gegen Vorlage des Personalausweises kostenlos ausleihen. Auch wenn Spiegelreflex-Profis bei diesem Angebot keine Luftsprünge machen: Für den Durchschnittsbesucher bietet sich hier die Chance, das Fototalent mit einem kompakten Alleskönner unter Beweis zu stellen. Pure Spielerei und eigentlich kann dabei nur Hübsches entstehen.

Selbstverständlich darf der Besucher die Fotos Zuhause in Ruhe noch einmal bearbeiten, das spornt ihn an und macht das Vermarktungsprinzip perfekt: „Geht auf Entdeckungstour in der alten Opernwerkstatt und probiert die Filterfunktionen der einzigartigen Systemkamera.“


Dass die Werke der ausstellenden Künstler für die meisten Hobby-Fotografen dabei wohl eher in den Hintergrund rücken und zum bloßen Objekt für die Linse mutieren, mag nur ein kleiner Wermutstropfen sein. Die quantitative Verbreitung im World Wide Web verdrängt Ansprüche an die Qualität der Beschäftigung mit den Arbeiten, so der Eindruck. Eine Entwicklung, die polarisieren dürfte, aber ebenso Fragen aufwirft, wie die Kunstbranche sich entwickeln wird. Die Präsenz der ortsansässigen Universität der Künste entschädigt immerhin, die jungen Künstler sehen dieses interaktive Spektakel sicherlich als Chance. Außerdem waren einige der Arbeiten bereits im Rahmen einer anderen Berliner Ausstellung zu sehen, so zum Beispiel Jeongmoon Choins „Drawing in Space“. Und „Numen/ For Use“ von NET Berlin erinnert stark an Saracenos „Cloud City“ (kunstgeflüster berichtete HIER). Na immerhin.

Insgesamt lohnt sich der Ausflug, der nicht-alltäglichen Kameraspaß ermöglicht und hochprofessionalisiert vom Olympus-Team begleitet wird. Noch bis zum 24. Mai steht die Location von 11 bis 19 Uhr Besuchern offen. Ich empfehle einen Werktag, dann muss man nicht so lange warten und auch die Werke lassen sich ohne Menschenmassen besser fotografieren.

Montag, 13. Mai 2013

IM SCHLAGLICHT: Ein Ausflug in die Phantasie

zu: "Die Wiener Schule des Phantastischen Realismus", Fabrik der Künste, Hamburg // bis 15.05.13

Es war vor allem der Titel, der mich auf die aktuelle Ausstellung in der Fabrik der Künste aufmerksam gemacht hat: "Die Wiener Schule des Phantastischen Realismus". Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, was sich dahinter verbirgt, war total neugierig und machte mich daher auf eine kleine Reise in das abgelegene Industriegebiet im Hamburger Hamm. Die Fabrik der Künste liegt etwas ab vom Schuss und gerade in dieser Umgebung würde man nicht unbedingt jene magischen Welten erwarten. Denn das sind die Bilder, die in dieser Ausstellung gezeigt werden wirklich: Magisch! Hier hat man die Möglichkeit, in phantastische Seelenlandschaften einzutauchen und unwirklichen Kreationen zu begegnen. Es gibt intensiv leuchtende Farblandschaften, in die wiederum realistische Bildelemente eingesetzt werden, die mit einer Akribie und Präzision ausgearbeitet sind, wie man es von den Alten Meistern kennt. Kleinste Details werden dabei perfekt dargestellt.
Wolfgang Hutter
Die phantastisch-realistischen Werke sind Teil einer Kunstströmung, die dem Surrealismus nahe steht und in den 1950er Jahren in Österreich entstanden ist. Zum einen fühle ich mich an moderne "Fantasy-Kunst" erinnert, zum anderen aber aufgrund der surrealistischen Elemente, die in vielen Werken wiederzufinden sind, an Salvador Dalí. Und war da nicht in einem der Bilder ein Fabrikschornstein im Bildhintergrund, so wie man ihn von Giorgio de Chirico kennt?

Rudolf Hausner
Die Bildthemen sind sehr vielfältig. Sie reichen von Traumvisionen, mythologischen Szenen bis hin zu biblischen und apokalyptischen Inhalten. Besonders interessant sind auch die psychoanalytisch begründeten Arbeiten von dem Österreicher Rudolf Hausner, der seine Werke aus dem Unbewussten entstehen lässt. Zentrale Figuren sind dabei Adam, der als die autobiographische Projektionsfigur des Künstlers gilt und Anima als weiblicher Seelenanteil, für den ihm die Malerin und Ehefrau Anne Hausner in vielen Bildern Modell steht. Sie verkörpern den jahrelangen Prozess der Selbstfindung des Künstlers - es geht um geheime Wünsche, Sehnsüchte und Ängste.

An einigen Stellen hätte ich mir mehr Informationen gewünscht. Wie viel gibt es noch zu den einzelnen Bildern zu sagen, zu lesen, zu wissen! So bleibt man in den Phantasieräumen sich selbst und seinen eigenen Gedanken überlassen. Insgesamt jedoch wurden meine Erwartungen an einen Ausflug in eine phantastische Realität auf jeden Fall erfüllt!
Wer sich für die Ausstellung interessiert, sollte sich allerdings beeilen – sie läuft nur noch bis zum 15. Mai!

Abb. von: http://www.fabrikderkuenste.de/index.php?id=17 am 12.05.13 

Samstag, 11. Mai 2013

Wer guckt denn da?

zu: Stephan Balkenhols "Kopfsäule" auf der Terrasse der Peggy Guggenheim Collection, Canal Grande, Venedig

Blick von der Terrasse der Peggy Guggenheim Collection auf den Canal Grande
Sehen und gesehen werden. Das steht in Venedig nicht nur auf dem Markusplatz, sondern auch auf der Hauptverkehrsstraße, dem Canal Grande, auf der Tagesordnung.

Seit Anfang Mai glotzt und knipst der Besucher nicht nur selbst die unzähligen Häuser und Gondeln des Kanals, er wird selbst Objekt der Betrachtung. Seit Anfang Mai steht nämlich ein Werk von Stephan Balkenhol auf der Terrasse der Peggy Guggenheim Collection. Ein Kopf thront auf einer langen Holzstehle und beobachtet die vorbeiziehenden Touristenscharen. Auf sicherer Entfernung wohlgemerkt, er schwebt über allem.
Stephan Balkenhol gibt der "Kopfsäule" noch den letzten Schliff
Der Palazzo, zu dem die Terrasse gehört war einst Peggy Guggenheims Privatwohnung. Die Nichte von Solomon R. Guggenheim und Ehefrau von Max Ernst hat im Laufe ihres Lebens eine beachtliche Sammlung moderner Kunstwerke zusammengetragen, die nun im Palazzo und einem angrenzenden Gebäude ausgestellt werden. Im wunderschönen Skulpturengarten kann man sich entspannen und auch der Sammlerin selbst gedenken. Sie ist in einer Ecke des Gartens neben ihren Hunden begraben.

Dieser Ort in Venedig ist deshalb nicht nur wegen Balkenhols neuester Installation, sondern auch wegen der gesamten Atmosphäre ein Muss für jeden Kunstliebhaber auf seiner Reise durch Venedig!

Abb. von http://www.artribune.com/2013/05/il-guardiano-del-canal-grande-sara-stephan-balkenhol-ad-installare-la-sua-megascultura-sulla-terrazza-della-collezione-peggy-guggenheim-a-venezia-ecco-le-immagini-del-montaggio/#.UYNtF2Yj2jQ.twitter (11.05.2013)

Freitag, 3. Mai 2013

Stricken als Performance

zu: Pavla Sceranková "Zena na Mesici" in der Galerie hlavního mesta Prahy, Prag // bis 5. Mai 2013

Noch bis Sonntag kann man im Altstädter Rathaus strickend Teil einer Installation werden. 
Nein, hier sind nicht Rosemarie Trockel oder Patricia Waller zu Besuch. Es ist die slowakische Künstlerin Pavla Sceranková, über die ich auch schon HIER berichtet habe. Sie zeigt im Projektraum der Galerien Prag eine kleine Ausstellung mit dem Titel „Zena na Mesici“ (Frau im Mond). Alles dreht sich um die Planeten und vor allem um die Rolle der Frauen in diesem ganzen System.
Foto entstand bei der "Strick-Performance"
Das absolute Highlight der ansonsten etwas mühsamen Schau ist eine raumgreifende Installation unseres Planetensystems. Mehrere schwarze Kugeln, die sich bei näherem Hinsehen als Wollknäule herausstellen, symbolisieren die Planeten. Von einer Metallstange (steht für die Sonne) hängen schwarze Fäden hinunter (die Sonnenstrahlen), die sich weiter unten in breite schwarze Schalstreifen verwandeln. Jeder Besucher ist eingeladen Platz auf einem der transparenten Sitzbälle zu nehmen und an den Sonnenstrahlen zu stricken. Als ich in den Raum kam, tat eine ältere Aufseherin seelenruhig genau das. Sie saß und strickte und musste immer wieder einen der schwarzen 'Planeten' in Bewegung versetzen, um genug Wollfaden zu haben. Poetischer kann man die Kraft der Frauen (oder wahlweise der Kreativität) wohl nicht erlebbar machen!
  
Abb. von http://ghmp.cz/cs/web/guest/vystavy/-/vystavy/vystava/92331

Donnerstag, 2. Mai 2013

IM SCHLAGLICHT: Die großen Meister des Berliner Sammlers Berggruen

zu: Das neu eröffnete Museum Berggruen

Lange hatte es wegen Renovierung und Umbau geschlossen, seit Ende März steht das zur Nationalgalerie gehörende Museum Berggruen am Charlottenburger Schloss wieder auf der To Do-Liste kulturbegeisterter Berliner und Besucher. Der für sich schon imposante Stülerbau wurde um das benachbarte Kommandantenhaus erweitert, ein Glasgang mit Blick auf einen neu angelegten Garten lässt auch das Architektenherz höher schlagen. 
©Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Museum Berggruen / hc-krass.de

Der Berliner Heinz Berggruen hinterließ seiner Heimatstadt ein unschätzbares Sammelsurium an Meisterwerken, das in seiner Stringenz und Leidenschaft einen roten Faden klar erkennen lässt und die Museumslandschaft der Hauptstadt einzigartig bereichert.
Im Zentrum der Sammlung steht Picasso, vertreten mit Exponaten aus jeder seiner Schaffensperioden. So erhält der Besucher einen wertvollen Eindruck von Umständen (Weltkrieg), Referenzen (George Braque) und Musen (weibliche Akte, wohin das Auge schaut!). Klug wurden thematische Bezüglichkeiten kuratiert, sodass sich eben jener Braque neben Paul Klee, Paul Cézanne und Henri Matisse harmonisch in den Ausstellungsfluss einpasst.


Picasso-Raum © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Museum Berggruen / hc-krass.de
Die größte Leistung der Sammlung besteht darin, dass sie die Komplexität und Vielfältigkeit dieser Genies des 20. Jahrhunderts herausstellt. Greift man nur einmal Picasso exemplarisch heraus, der sowohl mit seinen Radierungen (sein „Minotauramachie“, eine Arbeit explizit für Heinz Berggruen, weist unvorstellbar viele Schwarz-Abstufungen auf), als auch mit Skulpturen – wegweisende Arbeiten mit objéts trouvé wie "Der Kranich" von 1952 - , Ölgemälden, Tuschezeichnungen ("Das Zirkuspferd" von 1937 soll hier ganz besonders hervorgehoben werden) und Collagen vertreten ist. Die Entwicklung des Künstlers, seine Beeinflussungen und Anspielungen sind auch für den Laienblick nachzuvollziehen; auf der einen Seite entwickelt er den synthetischen Kubismus, wird manchmal gar vollkommen abstrakt ("Die sitzende Frau"), während andere Werke realistisch anmuten. Es wird gezeigt, welchen Stellenwert Picassos Studien zum Grotesken – in erster Linie repräsentiert durch den "Sitzenden Harlekin", das Werk seiner Rosa Periode um 1905 – für ihn selbst hatten. Noch 1937 greift er dieses Motiv des Grotesken wieder auf, indem er im "Bildnis Nusch" das Prinzip der doppelten Mehrsichtigkeit - Perspektive und Persönlichkeit – einführt.

Für mich persönlich ist die Klee-Etage jedoch das Highlight der Sammlung. Farbenstärke und perfektionierte Reflexion machen jedes Bild zu einem Erlebnis.


Abb. von: http://www.berlin.de/kultur-und-tickets/fotos/museen/2986979-1887517.gallery.html?page=9&popup=1 am 29.04.13 

Sonntag, 28. April 2013

IM SCHLAGLICHT: Vom vielfältigen Scheitern

zu: "Besser Scheitern" in der Hamburger Kunsthalle // bis 11.08.13

Während die meisten Besucher den Weg nach oben zur Giacometti-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle suchen, geht meiner dieses Mal an den großen Besucherströmen vorbei hinunter ins Sockelgeschoss. Hier befindet sich die Galerie der Gegenwart, die derzeit die Ausstellung "Besser scheitern. Film + Video" zeigt. Dort ist es - selbst an einem verregneten Samstag - nicht zu voll; man hat also ausreichend Ruhe, die Filme, die sich vielschichtig mit dem Thema Scheitern auseinandersetzen, anzuschauen. Es sind Videoräume und Filme von den 1960er Jahren bis heute.
Der Gang durch die dunklen Räume wird begleitet durch Stimmen und Geräuschen aus den Ausstellungsräumen. So etwa die verstörende Stimme, die von Bruce Naumans Videoinstallation "Anthro/Socio (Rinde Spinning)" ausgeht und, wie in einer Endlosschleife, Sätze wie "Feed me/ Eat me/ Anthropology", "Help me/ Hurt me/ Sociology" und "Feed me/ Help me/ Hurt me" von sich gibt. Folgt man ihr, gelangt man in einen Raum mit drei Bildschirmen und sechs Monitoren und sieht den um die eigene Achse kreisenden Kopf des Performance-Künstlers Rinde Eckert. Ein endlos hoffnungsloses "Um-sich-selbst-drehen"? Schnell verlasse ich den Raum wieder.
Francis Alÿs: "Rehearsal I" (in collaboration with Rafael Ortega), 1999-2004
Die endlose Wiederholung ein und desselben Vorgangs zeigt auch ein Film von Francis Alÿs: Ein roter VW-Käfer in einer Siedlung am Rande von Tijuana im Norden Mexikos, der vergeblich versucht, einen Hügel herauf zufahren. Begleitet wird die Fahrt nach oben von einer Blaskapelle. Hört die Kapelle jedoch auf zu spielen oder stimmen die Musiker ihre Instrumente, rollt der Käfer den Hügel wieder hinunter. Das kontinuierliche, jedoch vergebliche Probieren und Bemühen - eine moderne Auffassung vom Sisyphos-Mythos?
Wie es aussehen kann, wenn ein Interview scheitert, zeigt der Film von Jeanne Faust. Eine Interviewsituation, die sich wohl kein Journalist wünscht. Ein richtiges Gespräch zwischen Fragender und Befragtem kommt hier nicht zustande, dagegen wird man Beobachter einer eher unbehaglichen Atmosphäre, in dem der Befragte die Fragende teilweise bloßstellt, anstatt die Rolle des Erzählers einzunehmen.
Bas Jan Ader: "Fall 2", 1970
Die Ausstellung versammelt überzeugende Filme, die zum Nachdenken anregen oder einfach nur amüsieren, aber auch solche, die traurig stimmen und sehr berühren. Wer sich für diese facettenreichen Arbeiten, die sich auf tragische, bedrückende oder humorvolle Art allesamt mit dem Thema Scheitern auseinandersetzen, interessiert, dem sei diese Ausstellung empfohlen!
Abb von:  https://www.facebook.com/HamburgerKunsthalle/photos_stream am 27.04.13 

Samstag, 27. April 2013

NEU bei uns: HAMBURG !

Wir freuen uns wie verrückt, denn ab sofort wird auch aus HAMBURG geflüstert!
Wir begrüßen MAIKE ganz ganz herzlich im kunstgeflüster-Team und sind sehr, sehr glücklich, dass sie für uns ab jetzt regelmäßig Schlaglichter auf das Kunstgeschehen in Hamburg wirft!
Herzlich willkommen, liebe Maike - auf reges Geflüstere!