Freitag, 8. April 2011

Kohlrabi-Apostel im Bärlauchmantel

zu: "Der Prophet. Die Welt des Karl Wilhelm Diefenbach" in der Hermesvilla, Wien // bis 26.10.2011

Nach schier endloser Fahrt durch Wien und sportlichem Fußmarsch durch den Lainzer Tiergarten stehe ich mit sturmzerzaustem Haar endlich vor der Hermesvilla! Hier also hat sich damals Sissi zur Sommerfrische aufgehalten - das kann ich verstehen, aber das nächste Mal fahre ich bitte auch schick mit der Kutsche...
Seit gestern zeigt die Hermesvilla Werke des Lebensreformers Karl Wilhelm Diefenbach. Es ist die erste Ausstellung in Österreich über den selbsternannten Propheten, der um 1900 eine neue Lebensweise predigte: barfüßig und in Kutte lief Diefenbach durchs Leben, ass kein Fleisch und propagierte die Nacktheit. 
Die Kommune des Himmelhofs in Ober St.Veit, Wien, 1898 (Diefenbach in der Mitte)
Seine teils unglaublich kitschigen, symbolisch aufgeladenen Gemälde sind im Erdgeschoss der Hermesvilla ausgestellt. Wie die Kuratorin der Ausstellung im Film bemerkt, ist seine Kunst eher Mittel zum Zweck, um seine Ideen auszuleben und weiterzutragen. Gott sei Dank - denn die Bilder sind teilweise wirklich an meiner Schmerzgrenze (was auch noch durch die Spot-Beleuchtung verstärkt wird). Aber zu Anfang und Ende der Ausstellung ist ein Fries ausgestellt, auf dem man viel entdecken kann - eindeutig Diefenbachs bestes Werk.
Ausstellungsansicht mit Fries
Der damals von der Presse als Kohlrabi-Apostel verspottete Diefenbach ist mit seinen Visionen und Lebensentwürfen heute noch immer (oder wieder) up-to-date. Ihm würde es sicher gefallen, nach der Besichtigung seiner eigenen Ausstellung im umliegenden Lainzer Tiergarten ein wenig zu spazieren und, wie wir heute, frischen Bärlauch zu pflücken! Wie Diefenbach so schlau sagte: "Erkenne, Menschheit, Deine Mutter - Die Natur!". Na, wenn das kein Schlusswort ist.

Letzte Abbildung vom Archiv der Spaun-Stiftung, Seewalchen, auf: www.wienmuseum.at/de/presse/presse-detail.html?tx_wxpresse_pi1[showUid]=40 (08.04.2011).

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