Montag, 15. August 2011

Eine Religion für Atheisten

zu: Sarah Thornton: Sieben Tage in der Kunstwelt, Frankfurt am Main 2009

Das erste Kapitel des Buches "Sieben Tage in der Kunstwelt" bildete gestern meine Gute-Nacht-Lektüre und ich muss schon sagen, amüsiert hat es mich. Und bestens unterhalten. Erwartet hatte ich eigentlich nicht viel, aber rein schauen kann nicht schaden, dachte ich.
Die Londoner Kunsthistorikerin und Soziologin Sarah Thornton, die über die britische Technoszene promovierte, nähert sich der Kunstwelt, die sie im Vorwort als "Gefüge sozialer bzw. halbprofessioneller Gruppen" (S. 20) definiert, in sieben Kapiteln - an sieben Tagen, an sieben unterschiedlichen Schauplätzen. Sie steigt als außen stehende Beobachterin ein, führt Interviews, schnuppert Atmosphäre und gibt alles unkritisch an den Leser weiter.
"Orte" des Geschehens sind eine Auktion (Christie's in New York), eine Kunstschule (California Institute of the Arts), eine Messe (Art Basel), ein Künstleratelier (Takashi Murakami), ein Kunstpreis (Turner Prize), eine Zeitschrift (Artforum International)  und eine Biennale (La Biennale di Venezia). Diese Orte, bzw. Veranstaltungen und Organe bilden gewissermaßen die Hotspots der internationalen Kunstszene und sie bieten hoffentlich einen breiten Einblick und viele unterschiedliche Sichtweisen, obwohl mir ein paar wichtige Protagonisten (eine Galerie, ein Sammler, oder ein Museum etwa) fehlen.

Los geht es mit einer Abendversteigerung zeitgenössischer Kunst (von der Autorin auch "eine Art Religion für Atheisten" (S. 14) genannt) bei Christie's in New York. Sarah Thornton beschreibt den Novembertag von den Vorbereitungen des Chefauktionators Christopher Burge am Nachmittag, über das Eintreffen der rund 1.000 Besucher, über den Verlauf der Auktion, bis zum matten Ende auf unprätentiöse, lockere Weise. Nebenbei flicht sie dabei interessante Fakten und Informationen, aber auch Klatsch und Tratsch ein. Mitarbeiter des Hauses kommen genauso zu Wort wie Sammler, Kunsthändler, Pressevertreter und Künstler. Manche werden namentlich genannt, bei anderen heißt es nur "eine Mitarbeiterin" und wieder andere haben auf Namensänderungen bestanden. Das macht aber nichts, denn bei Äußerungen wie "Ich hatte viel mit Künstlern zu tun, sie gehen einem wirklich massiv auf den Keks" (ein Mitarbeiter, S. 29), "Unter uns gesagt, alle labern nur Scheiße." (ein Londoner Händler, S. 42), oder "Die Auktion ist [...] eine Art Hautausschlag. Sie ist vulgär in der Weise, wie Pornographie vulgär ist" (Keith Tyson, S. 63) kommt es weniger darauf an, wer genau sie formuliert, als darauf, dass sie formuliert werden.

Und gerade diese menschlichen Hintergrundinformationen machen das Buch zu etwas besonderem. Denn hier werden nicht nur die medienwirksamen Rekorde (Marlene Dumas übersteigt erstmals die Eine-Millionen-Hürde, Maurizio Cattelan verdoppelt seinen Rekordpreis auf 1,8 Millionen und ein Warhol klettert in 500.000-Dollar-Schritten von acht auf 13,5 Millionen) aufgezählt, sondern hier erfährt man auch, dass der Auktionator seine Nerven mit Scotch beruhigt und dass eine Sammlerin Missoni trägt, weil sie mit Prada Gefahr laufen würde, in dem selben Outfit daher zu kommen, wie drei Mitarbeiterinnen von Christie's.

Wer also nicht zu viel erwartet - eben keine kritische, reflektierte, analytische Auseinandersetzung mit dem Kunstmarkt - sondern einfach einmal abtauchen möchte, in diese Welt, die sich "um nebulöse und oft widersprüchliche Hierarchien von Ruhm, Glaubwürdigkeit, imaginierter historischer Bedeutung, institutioneller Anbindung, Bildung, gefühlter Intelligenz, Reichtum und Attributen [formiert]" (S. 13), der wird seinen Spaß beim Lesen haben. Ich jedenfalls bin gespannt auf das nächste Kapitel!

Und nicht zu vergessen ist dabei die Tatsache, dass das Buch entstanden ist, bevor die Blase geplatzt ist...heute würde ein solcher Bericht sicher anders ausfallen! 

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