Donnerstag, 25. Oktober 2012

Voller Überraschungen. Ein Streifzug durch die Žižkover Kunstszene

zu: Pavla Sceranková „Chybějící kapitola“, Drdova Gallery, Prag // bis 10.12.2012 10 und Veronika Holcová „Through The Needle’s Eye As A Frame“, Galerie 35M2, Prag // bis 28.10.2012 und Martina Holá „Krátkodobé cíle/Short Term Goals“, City SurferOffice, Prag // bis 26.10.2012

Beim Wort „Galerie“ denken die meisten sicher an kahle, weiße Räume, in denen Kunst steht, liegt oder hängt; irgendwo an der Seite sitzt eine schweigsame Person an einem Schreibtisch. Solche Gedanken sollte man am besten zuhause lassen, bevor man sich in die Galerien des Stadtteils Žižkovs begibt. Denn dort ist alles anders!
Pavla Sceranková
In einer Nebenstraße nahe dem Fernsehturm lädt eine große Schaufensterfront den Besucher in die Drdova Gallery. Die Galeristin persönlich empfängt und setzt gleich engagiert und freundlich zu einer Einführung in die Werke ein (auf Englisch oder auch Deutsch!). Seit Mitte September zeigt sie Arbeiten der slowakischen Künstlerin Pavla Sceranková (geb. 1980) unter dem Titel „Chybějící kapitola“ („Das fehlende Kapitel“). Der Ausstellungstitel weist auf ihre Doktorarbeit hin, die sie voriges Jahr an der Prager Kunstakademie abgegeben hat. Darin thematisiert sie die bildlosen Gedanken (der Titel der Arbeit lautet „Imageless thoughts“), die sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung ziehen. Bei den Exponaten, drei raumgreifende Plastiken und drei Siebdrucke, geht es deshalb vor allem um den Kopf, den Ursprung aller Gedanken. „Oft sind es ihre eigenen Erfahrungen, die Pavla thematisiert“, erklärt die Galeristin Lucie Drdova.So auch in dem Werk „Omnifocus“, einem übergroßen Kopf, der von unzähligen sich bewegenden, mit Metallscheiben beklebten Uhrwerken übersät ist, die sich wie ein Zeiger gleichmäßig im Kreis drehen. Ein Ticken im Hintergrund tut sein Übriges. „Eine Zeit lang plagten Pavla heftige Kopfschmerzen“, so die Galeristin, „diese Eindrücke hat sie in dem Werk verarbeitet.“ Jedem sei klar: Wenn man ständig Kopfschmerzen hat, kann man an nichts anderes denken als an seinen Kopf. Der Kopf, die Gedanken und die eigene Wahrnehmung sind es, die die Künstlerin immer wieder beschäftigen.
Eingang zur Galerie 35M2
Weiter geht’s in die Galerie 35M2, die sich als klares Gegenstück zur Drdova Gallery erweist. Nach einem unfreundlichen Hinweis der Bedienung des Café Pavlač, die den Schlüssel zur Galerie auf Nachfrage herausgibt, betritt man den Hinterhof, in dem sich der Eingang der Galerie befindet. Dort ist man dann plötzlich ganz allein. Keine Aufsicht, keine Titel an den provisorisch an die Wände gehefteten Arbeiten. Nur die Kunst und zwei Holzstühle. Mehr braucht es aber auch nicht, denn die Papier- und Leinwandarbeiten von Veronika Holcová (geb. 1973) fesseln vom ersten Moment. Zwitterwesen bevölkern die Szenen und einfallsreich erwachsen aus floralen Formen Menschen. Der Besucher gerät in eine Welt märchenhafter Szenen, wo Natur und Mensch sich umschlingen, auch gerne verschlingen. Böse Szenen überall: Das kleine Äffchen reißt den Mund auf zum Schrei und Katzen lecken menschliches Blut. Die für ihre fantastischen Landschaftsarbeiten bekannte Künstlerin zeigt hier eindrucksvoll, dass sich in ihren Welten auch mysteriöse Szenen zwischen Tieren und Menschen verstecken

Ein Versteckspiel gab es nicht nur in Veronika Holcovás Arbeiten, sondern auch auf der Suche nach dem City Surfer Office. Unter der angegebenen Adresse befand sich nichts, was auf die Existenz dieser Galerie hinweisen würde. Angeblich sind dort momentan Arbeiten von Martina Holá zu sehen. Unterschiedlicher hätte ein Besuch der Žižkover Galerien nicht ausfallen können. Žižkov steckt voller Überraschungen.



Dieser Artikel ist in abgewandelter Form am 25.10.2012 auch in der Prager Zeitung erschienen.

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