Freitag, 30. November 2012

PRAGER ZEITUNG: Abstraktionen der Realität

zu: „Komm – wenn du liebst“ („Pojd' blíž, miluješ-li“), Museum Montanelli, Prag // bis 28.02.2013

Die Inspiration zu ihren Werken findet die Künstlerin Katharina Gun Oehlert in den Menschen und deren Handlungen, denen sie mit Begeisterung und Offenheit gegenübertritt. Die von ihr geschaffenen Gemälde und Objekte sollen mit den Gefühls- und Vorstellungswelten der Besucher spielen. Auch wenn die dargestellten Traumgestalten, Cherubine oder Wassergeister auf den ersten Blick gar nichts mit der Alltagswelt zu tun haben, so spielen sie laut Gun Oehlert zumindest im Unterbewusstsein des Betrachters eine große Rolle. Gun Oehlert schafft es, diese Figuren derart abstrahiert darzustellen, dass sie nur noch symbolhaften Charakter besitzen und viel Raum für Vieldeutigkeit und individuelle Interpretation lassen. Als zentrales Thema wählt sie die „objektive“ Realität und deren subjektive Wahrnehmung als einer der grundlegendsten Auseinandersetzungen menschlichen Lebens. Die Grenzen von Wirklichkeit und innerer Schauung sollen dadurch behutsam aufgelöst werden. Zu bestaunen gibt es diese Abstraktionen der Realität im Museum Montanelli nahe der Prager Burg.
Gun Oehlert, Femate
Faszinierende Erfahrung
Die Werke tragen Namen wie „Hasengott liebt Stiergöttin“, „Ikarus“ oder „Gefrorene Kindheit“. Gun Oehlert verwendet einfache Materialien wie Draht, Leinwand oder Gips. Manche der von ihr geschaffenen Gips-Torsi – alles Abdrücke von Menschen – wurden nach dem Trocknen mit Acrylfarbe bearbeitet. Mehrere dieser Körperhülsen sind im Werk „Gleichgewicht“ räumlich nebeneinander angebracht. So kann man mitunter in die Werke und zwischen die menschlichen Formen hineingehen – eine faszinierende Erfahrung. In Gun Oehlerts Arbeit „Fermate“ schweben zahlreiche weiße menschliche Torsi dreiecksförmig in der Luft. Auf dem Boden befindet sich ein Meer aus weißen Federn. Die Gipshüllen stammen von schwangeren Frauen im 9. Monat und halten so die Zeit kurz vor der Geburt fest.
Auch die Gemälde von Gun Oehlert spiegeln deren markanten Stil mit hohem Wiedererkennungswert wider. Die verwendeten Farben werden mit Tuch und Pinsel in äußerst weicher und dünner Form auf die Unterlagen gestrichen. Diese zarte Bemalung lässt zu, dass das Trägermaterial stets sichtbar bleibt und selbst nach mehreren Arbeitsgängen nicht zu einer kompakten Oberfläche verschmilzt. Die Bilder bleiben somit labil, spontan und gestisch.
Gun Oehlert, Gleichgewicht
Geistiger Schutz
Gun Oehlert bezeichnet die Ausstellungsräume im Museum Montanelli als „großes Geschenk“ für ihre Arbeiten. Hier würden sie eine Art „geistigen Schutz“ erfahren. Gun Oehlerts Verständnis zufolge bedeutet Kunst vor allem Übersetzung. Dieser Regel folgend will sie mit ihren Werken zutiefst existenzielle Erfahrungen ansprechen und gleichzeitig Neugier, Sensibilität und Respekt vor dem Menschen erzeugen. 
 von Stephanie Gerber 

Abb. von Museum Montanelli 

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