Donnerstag, 7. März 2013

Die Art zu töten

zu: "Umění zabíjet/The Art of Killing", ARTWALL Gallery und Narodní technické knihovny, Prag // bis 31.03.2013


Barbie liegt nackt und festgezurrt auf einer Liege. Stramm und in Uniform holt Ken soeben zum Schlag aus, die Frau wehrt sich – erfolglos. Ein zweite Puppe hält ihre Arme fest. Auch die anderen sechs schwarz-weiß Fotografien des tschechischen Künstlers Lukáš Houdek sind brutal. Entlang des Letná-Ufers reihen sich seit Anfang Februar sieben Szenen des Folterns, der Erniedrigung und der Vergewaltigung aneinander.
Lukas Houdek, Králiky 22.květen 1945, (c) galerie ARTWALL
Die beschriebene Fotografie ist Teil der Ausstellung „Umění zabíjet/The Art of Killing“, die sich mit den Torturen beschäftigt, die die deutsche Minderheit in Tschechien bei der gewaltsamen Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg erleben musste. Alle Szenen basieren auf wahren Gegebenheiten. Dafür hat Lukáš Houdek in Archiven gesucht und Zeugenaussagen analysiert. Der Künstler ist Autodidakt und zeigt in seinen Arbeiten neben dem Interesse für politische Themen und Randgruppen (Roma zum Beispiel) auch Sinn für Banales, zuweilen Komisches, wie wenn er systematisch die Unterhosen seiner Mutter dokumentiert. Die Beschäftigung mit der Vertreibung der Sudetendeutschen kam aus einem persönlichen Interesse. Lukáš Houdek selbst ist an der Grenze aufgewachsen und hat mit seiner Familie dort ein Grundstück von Deutschen bewohnt.
Postoloprty, květen – červen 1945, (c) Lukáš Houdek
Die Fotografien, einmal gesehen, lassen einen nicht mehr los. Ein stets grinsender Ken steht, die Hand zum Gruß erhoben, vor einer Mauer, an der einige Männer mit dem Kopf zur Wand aufgestellt sind. Nur unscharf im Vordergrund, aber mit einer klar erkennbaren Waffe, steht ein zweiter Uniformierter im Bild. Der Titel des Werks lautet: „Postoloprty, květen – červen 1945“ (übersetzt: Postelberg, Mai – Juni 1945). Bei einem Progrom im Juni wurden auf einem Kasernengelände in Postelberg unzählige deutsche Männer und Jungen gefoltert und erschossen, nachdem sie aus der Nachbarstadt Saaz (Žatec) in einem Todesmarsch nach Postelberg getrieben worden waren. In Postelberg und Brno (Brünn) gab es die größten Verluste.
Auch wenn dieser Teil der deutsch-tschechischen Geschichte bereits 70 Jahre zurückliegt, hat der gerade zurückliegende Wahlkampf um das Präsidentenamt gezeigt, dass das Thema noch immer Zündstoff enthält und polarisiert. Das politisch heikle Thema hat der Künstler mit der Nachstellung der Szenen durch Puppen auf eine symbolische Ebene gehoben, durch die sich eine sachliche Distanz entwickeln lässt. Lukáš Houdek möchte die tschechische Öffentlichkeit mit der eigenen Vergangenheit konfrontieren und zum Nachdenken anregen. Und wo ginge das besser als im unausweichlichen, öffentlichen Raum, auf der ARTWALL, an der tagtäglich zig Autos und Straßenbahnen vorbeifahren und dessen Werke man sogar vom anderen Ufer der Moldau noch erahnen kann?

Die Mauernischen am Letná-Ufer wurden früher als Fläche für kommunistische Propaganda genutzt und werden seit 2005 von der ARTWALL gallery (mit Unterbrechungen) mit zeitgenössischer Kunst bespielt. Die Ausstellung „Umění zabíjet/The Art of Killing“ ist dabei in Zusammenarbeit mit der National Technical Library entstanden. Die ARTWALL gallery präsentiert die Fotografien nur als Ausschnitt. Wer sich vertiefen möchte, dem sei die vollständige Werkserie mit über 30 Fotografien im ersten Geschoss der National Technical Library empfohlen. 

Die Kraft der Bilder wird einem in dieser Ausstellung wieder stark bewusst. Sie sind eindringlicher, plakativer, vielleicht auch einfacher zu verstehen als lange Geschichtstexte. Bleibt zu hoffen, dass möglichst viele diese Ausstellung sehen und sie tatsächlich einen Stein der Reflektion ins Rollen bringt.

Dieser Artikel ist in leicht abgewandelter Form am 06.03.2013 in der Prager Zeitung erschienen.

Kommentare:

  1. Umění zabíjet = Die Kunst des Tötens
    (statt: Die Art des Tötens)

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  2. Hallo Anonym,
    bezieht sich der Hinweis auf die Überschrift des Textes? Wenn ja - die Artikelüberschrift war eigentlich nicht als Übersetzung gedacht.
    Trotzdem danke für den aufmerksamen Hinweis!
    Lena

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