Samstag, 6. April 2013

Schichtwechsel in der Zeche Nordstern

zu: "Schichtwechsel" im Videokunstzentrum Sammlung Goetz / Neuer Berliner Kunstverein, Nordsternturm, Gelsenkirchen // bis 28.07.2013
Blick von der Besucherterrasse des Nordsternturms auf "Herkules" von Markus Lüpertz
Die Arena auf Schalke, der Tetraeder in Bottrop und der Gasometer in Oberhausen liegen in Sichtweite. Der blanke Hintern von Markus Lüpertz' Herkules (wir haben hier ausführlich berichtet) ist sogar in greifbarer Nähe. Das alles kann sehen, wer auf der neuen Besucherterrasse und Aussichtsplattform des Nordsternturms steht, einer stillgelegten Zeche in Gelsenkirchen.
Und das ist längst nicht alles. Unter der Plattform befindet sich ein vor einem halben Jahr eröffnetes Videokunstzentrum. Neben historischen Fördermaschinen kann man hier neueste Videokunst aus der Sammlung Goetz und dem Neuen Berliner Kunstverein besichtigen. 
Blick in die Empfangsetage des Videokunstzentrums
Die Räumlichkeiten sind wohl zunächst der spannendste Teil. Ade langweiliger white cube und ade farbige Museumswände - hier passiert was. Kunst trifft auf die Arbeitsrealität des Ruhrpotts. Auf Stahl, große Maschinen und das Gefühl schwerer Maloche. Die Videos sind ansprechend und mit Hinblick auf die Gegebenheiten auf insgesamt 6 Etagen präsentiert. Leider war mir an vielen Stellen der Zusammenhang zwischen dem vielversprechenden Titel der Ausstellung ("Schichtwechsel") und den Videos unklar, nichtsdestotrotz gibt es einige interessante und aufschlussreiche Arbeiten zu sehen. 
Francis Alys "Beggars"
Besonders überzeugt haben mich Präsentation und Arbeit des Künstlers Francis Alys, der unzählige auf Treppenstufen sitzende Bettler fotografiert. Die Dias werden auf den Boden projiziert, so dass der Besucher unweigerlich 'von oben herab' auf den Bettler blickt. Harun Farocki hat Werke aus 11 Jahrzehnten Filmgeschichte unter dem Titel "Arbeiter verlassen die Fabrik in 11 Jahrzehnten" zusammengetragen und lädt zum Vergleich ein. Artur Zmijewski porträtiert in drei kurzen Filmen das Leben von Dieter, Patricia und Ursula. Der Besucher erfährt, dass jetzt nicht (mehr) in der Zeche malocht wird, sondern als Putzfrau, Hot-dog-Verkäuferin oder 'über Tage' auf der Straße. 

Der Ausstellungstitel aber ist vor allem programmatisch für die Gesamtsituation des Ruhrgebiets und die vielen ehemaligen Industriegelände. Denn nur noch vereinzelt schleppen Seilscheiben Kohlewagen in die Höhe. Vom "Schichtwechsel" profitiert die "Kunst". Unbedingt sehenswert!

Kommentare: