Dienstag, 25. Juni 2013

IM SCHLAGLICHT: Foto, Foto

zu: zwei Fotoausstellungen in Hamburg

Ich war vor kurzem auf zwei sehenswerten Fotoausstellungen. Die erste Ausstellung „Destroyed Images – Zerstörte Bilder“ stellte den Auftakt des neuen Hamburger Fotografiefestivals 040 dar und fand im Künstlerhaus Frappant in Altona statt. Das Thema war die unüberschaubare Fülle an Bildern, der wir tagtäglich ausgeliefert sind und die Wiederverwertung des bereits vorhandenen Bildmaterials. Bilder sind in der heutigen visuellen Welt zu einem nicht mehr weg zu denkenden Phänomen geworden. Vor allem durch die digitalen Möglichkeiten prasselt permanent eine Bilderflut auf uns ein, zu deren Aufnahme und Verarbeitung wir gar nicht mehr imstande sind. Die Visualisierung weitet sich immer mehr aus. Tagtäglich werden unzählige Bilder produziert, im Internet hochgeladen (bei Facebook sind es 300 Millionen täglich), gepostet und reproduziert – sowohl privat also auch professionell. Sie werden massenweise über die Medien verbreitet und gehen in kürzester Zeit rund um die Welt.
Markus Uhr: Ich hasse Kate Blanchett und die weiss wahrscheinlich noch nicht einmal wer ich bin
Doch was passiert mit all diesen Bildern? Wie gehen Fotografen selbst mit diesem Überfluss um? Sollte man überhaupt noch neue Bilder machen? „Viele Fotografen stellen schon gar keine Kamera mehr auf“, so die Kuratorin Kristin Dittrich. Heutzutage gilt vielmehr die Frage, was sich mit dem vorhandenen Archivmaterial anstellen lässt. Wie gehen künstlerische Fotografen mit eigenem und gefundenem Material um? Durch Überarbeiten, Zerstören und wieder Zusammenfügen von Bildern befassten sich hier die Künstler mit diesen Fragestellungen. Die Fotografin Katharina Bosse beschäftigte sich z.B. mit dem Ende der Analogfotografie und hat alte Selbstporträts von sich bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Von anderen Künstlern gab es Collagen zu sehen - jene Kunstform, in der der zerstörerische Anteil durch das Zusammenstellen und Bearbeiten des Materials wohl am größten ist. „Es gibt viele Collagen, aber nur wenige, die einen existenziell angreifen“, sagt die Kuratorin, als wir vor dem MAGNET von Markus Uhr stehen. Melinda Gibson hat ein aktuelles Kultbuch über die Geschichte der Fotografie zerschnitten und Abbildungen berühmter Fotografen in ihre Collagen eingebaut. 
Jan Mammey: They Where As Gods (2012)
Ein großes Dankeschön an die Kuratorin für ihre wunderbare Führung durch die Ausstellung! Damit hat sie mich für das Ausstellungsthema begeistern können und im positiven Sinne dazu beigetragen, dass einige Bilder in meiner Erinnerung haften geblieben sind. Leider endete die Ausstellung bereits, aber ich bin sicher, wir können uns auch in Zukunft auf weitere tolle Ausstellungen von Kristin Dittrich freuen!

Die zweite Ausstellung IBBTOWN ROCK CITY von dem Fotografen Patrick Runte ist im Gängeviertel zu sehen und zeigt in über 100 Bildern ein sehr persönliches Porträt der Band Donots. Sicherlich keine leichte Aufgabe, aus der großen Anzahl der Momentaufnahmen, die im Laufe der Jahre entstanden ist, die richtigen auszuwählen...
Patrick Runte
Patrick Runte begleitete die Alternative-Rock-Band Donots für insgesamt 4 Jahre und erzählt, wie es im Laufe der Zusammenarbeit immer selbstverständlicher für die Musiker wurde, dass er ihre Konzerte, ihr Leben auf Tournee, aber auch die ganz privaten Momente fortwährend beobachtet und festgehalten hat. Als zunehmend vertrauter Begleiter fotografiert er unterwegs, auf und hinter der Bühne oder im Studio. Mit dem ansteigenden Vertrauen entstehen Freundschaften zwischen dem Fotografen und den Bandmitgliedern. Es öffnen sich neue Türen und Zugänge für den Fotografen, aber auch neue Herausforderungen: Anfangs noch eher unbeteiligt und mit einer neutralen Perspektive, wurde die Gratwanderung zwischen den öffentlichen und privaten Momenten zunehmend schmaler. Seine anfangs objektive Beobachtung wich einem neuen teilnehmenden und einfühlsamen Blick. Das bedeutete auch, die Kamera in besonders privaten Momenten auch mal ausgeschaltet zu lassen. So freut man sich umso mehr, zwischen den vielfältigen atmosphärischen Bildern ebenfalls ein paar Fotos zu sehen, in denen solche besonders nahen und intimen Augenblicke eingefangen wurden.
Die Ausstellungseröffnung fand in einer herrlich lockeren und geselligen Atmosphäre statt, die ich gar nicht mehr verlassen wollte. Besonders gut fand ich, dass sich der Fotograf die Zeit genommen hat, einige Besucher durch seine Ausstellung zu führen und etwas über die Entstehung und Hintergründe einzelner Fotos zu erzählen. Schöne Ausstellung - noch bis zum 06. Juli!


Abb oben und Mitte von: http://frappant.org/archives/5114 am 24.06.13
Abb. unten von: http://das-gaengeviertel.info/programm/veranstaltungsdetails/termin/2013/06/15/event/tx_cal_phpicalendar/ibbtown-rock-city-fotografien-von-patrick-runte.html am 24.06.12

Kommentare:

  1. Schade, daß die Schau zu den zerstörten Bildern eine solch kurze Laufzeit hatte! Welches Ziel verfolgte denn die Kuration? Übersicht? Fragestellung? Beweisführung?
    Denn wie mittlerweile aus der Bild- und Kunstforschung bekannt ist – und darin liegt ein gewisser Witz –, verkehrt sich eder Ikonoklasmus, der die Macht des Bildes angreift, in sich selbst, stärkt das zerstörte Bild und den darin enthaltenen Bildakt nur umso mehr. Ob zeitgenössische Künstler diese Zwickmühle thematisieren, ist mir nicht bekannt, aber es wäre doch sehr schön, wenn die Ausstellung genau diesen zentralen Punkt ikonoklastischer Tendenzen zum Inhalt gehabt hätte.

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Matthias, vielen Dank für deinen Kommentar. Die Fragestellung der Kuration entstammt der Tatsache, dass sich in vielen aktuellen künstlerischen Fotografiearbeiten zerstörte Bilder wiederfinden. Bilder werden ihrem eigentlichen Konzept entnommen und neu künstlerisch verarbeitet. Hier ist ein Link zu einem Interview mit der Kuratorin, in dem sie über die Ausstellung berichtet: http://www.affektblog.de/040-festival/

    AntwortenLöschen