Donnerstag, 27. Juni 2013

fun fun fun

zu: Tomás Saraceno "in orbit" in der Kunstsammlung NRW

Viele Menschen stehen vorfreudig in einer langen Schlange. Sie treten von einem Bein auf das andere, schauen sich um, können es kaum erwarten endlich an der Reihe zu sein. Ihre Blicke gehen in Richtung Himmel zu der filigranen, spektakulären Stahlkonstruktion und zu denjenigen, die sich früher angestellt haben und für die das Warten endlich ein Ende hat. Die Glücklichen - es werden immer Zehner-Gruppen vorgelassen - haben auf einem DIN A4-Zettel unterschrieben, ihre Kleidung aus Sicherheitsgründen gewechselt und sind mitten in einem zehnminütigen Abenteuer gelandet. Als sie wieder zurück auf den sicheren Boden klettern, haben Sie lachende, gerötete Gesichter, der Atem geht schneller, der Puls ist erhöht. Einige berichten schlicht von Spaß, andere von Freiheit, Adrenalin und Grenzerfahrung, wieder andere von Euphorie und Angst zur selben Zeit.

Nein, wir befinden uns nicht am Flussufer - die Rheinkirmes ist noch nicht eröffnet. Hier geht es nicht um Achterbahn, Riesenrad, Geisterbahn und Co. Hier geht es um Kunst, denn es findet im Museum statt: Der argentinische Künstler Tomás Saraceno hat unter der riesigen Glaskuppel des K21 der Kunstsammlung NRW nach einer dreijährigen Planungsphase sein Werk "in orbit" installiert und es vergangenen Freitag unter großem Andrang der Öffentlichkeit vorgestellt. Und allein aus technischer Perspektive ist die Konstruktion beeindruckend: In 25 Metern Höhe spannen sich auf drei Ebenen 2.500 Quadratmeter Stahlnetz. Gehalten wird die drei Tonnen schwere Installation durch dicke Stahlseile, die sicherlich erheblich an der Statik des Ständehauses zerren. Innerhalb der Netze befinden sich riesige mit Luft gefüllte PVC-Kugeln, dazwischen dürfen immer je zehn Museumsbesucher zehn Minuten lang herumtoben.
Manche rennen in schwindelerregender Höhe in dem flexiblen, wippenden, grobmaschigen Netz hin und her, andere tasten sich (zum Teil auf allen Vieren) langsam voran, wenige nutzen die Kissen und legen sich hin. Alle scheinen ihren Spaß zu haben. Das Werk gleicht einer riesigen spektakulären Hüpfburg für Erwachsene. Die Kunstrezeption findet auf einer anderen Ebene statt: Hier steht nicht der Besucher vor dem Objekt und betrachtet es, sondern er ist mitten drin, er erfährt es, er bewegt es, er wird - gerade auch für die Museumsbesucher, die von unten ins Netz blicken - Teil der Installation und produziert Assoziationen zu der Welt der Spinnentiere oder der Raumfahrt. 
Im Pressetext ist poetisch von einer "surrealen Landschaft" die Rede, von einem "Wolkenmeer" und der "neuen hybriden From der Kommunikation", die der Künstler durch die Vibration des Netzes erzeugen möchte. Diese Aspekte sind - zumindest am rummeligen Eröffnungsabend - in den Hintergrund getreten. Es zählten vielmehr Spaßfaktor und Eventcharakter. Wer das Werk also in Ruhe erfahren möchte, sollte an einem ruhigen (Werk)Tag ins Museum gehen - "in orbit" bleibt für mindestens ein Jahr installiert!

Gute Bilder und auch einen Film gibt es HIER und HIER !

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