Sonntag, 9. Juni 2013

Noch eine Biennale?

zu: Prague Biennale 6, Zakladové nadrazi Zizkov, Prag // bis 15. September 2013

Ja, noch eine Biennale!
Eine Woche nach Eröffnung der Mutter aller Biennalen in Venedig ist am Donnerstag der Startschuss für die Prager Ausgabe gefallen. Parallelen sucht man allerdings (fast) vergeblich.
In Prag stellt die Kulisse für die Ausstellung ein stillgelegter Güterbahnhof im Prager Arbeiterviertel Zizkov dar. Kunst eignet sich ja bekannterweise sehr gut zur Wiederbelebung alter Industrieflächen und auch hier funktioniert es wunderbar. Fast schon langweilig! Man sieht Kunst in hässlichen, nach Lacken und Farbe riechenden Lagerhallen. Der Blick aus dem Fenster zeigt Gleise und Container.

Ähnlich wie mit der Lokalität erging es mir auch mit der Kunst - leider hat mich nichts wirklich überrascht.
Rein formal ergibt sich von der Biennale in Prag folgendes Bild: der erste Teil heißt "Expanded Painting" und ist eine Schau internationaler Positionen; "Flow" zeigt eine Auswahl mehrheitlich tschechischer Künstler und im dritten Teil "Beyond the Art" kann man slowakische Positionen sehen. Und dann gibt es noch die Photo Biennale 3, ganz am Anfang des Rundgangs. 
Meine Highlights kommen nun hier in loser Reihenfolge.

Am Anfang der Ausstellung steht ein Tisch mit einem Stillleben aus Obst und Gemüse. Chris Jones hat fein säuberlich Bananen, Avocado und Trauben aus Zeitschriften ausgeschnitten und seine Pappmaché-Früchte damit beklebt. Die Spielerei mit der Realität geht weiter bei Aleksandra Vaid & Hynek Alt. Sie haben Farbtöpfe auf dem Boden verteilt. Nicht etwa echte, sondern aus vielen Schichten Fotopapier geschichtete 'Fotoskulpturen', die am Ende aussehen wie ein echter Farbtopf.
vorne Chris Jones' "Site of Immediate Knowledge", 2011, im Hintergrund die Farbtöpfe von Aleksandra Vaid & Hynek Alt
Weiter hinten eine Arbeit des Iraners Ali Banisadr. Eine flirrende, bunte zunächst abstrakt scheinende Fläche, die sich bei näherem Hinsehen in Figuren zu verwandeln scheint. War das ein Pferd? Und hier, ein Mensch? Vielleicht eine Schlacht?
Ali Banisadr " The Source", 2012

Und dann wird es schließlich sehr konkret. Die slowakischen Künstler zeigen in "Beyond the Art", wie man Kunst und Alltagsleben verbinden kann.
Jana Kapelová dokumentiert kreative, bestenfalls künstlerische Arbeiten ihrer Freunde und Freundesfreunde, die am Arbeitsplatz entstanden sind. Man sieht Fotos, Holzfiguren, Lieder oder ganz praktische Bürohelferlein, die sales manager oder Lehrerinnen in ihrer "free working time" erdacht haben. Die Message: jeder ist ein Künstler.
Matej Vakula hat eher das ganz Große im Blick: den öffentlichen Raum. Er reist um die Welt und sammelt Ideen, wie man öffentliche Plätze verbessern kann. Vor allem die Besucher sind dazu aufgerufen, ein "Manual for Public Spaces" beizutragen. In der Ausstellung oder auch online auf http://manualforpublicspace.wordpress.com/ kann man dann erfahren, wie man mit Telefon-Terror mehr Fahrradparkplätze bekommt oder die Umgebung mit ein paar einfachen Handgriffen ein bisschen grüner wird (Stichwort: grüne Bombe).

Matej Vakulas mobile Bibliothek mit "Manuals for Public Spaces", 2011

Mein Fazit: Im Großen und Ganzen eine Ausstellung mit wenigen Höhepunkten, ziemlich hohen Eintrittspreisen (8 Euro für Erwachsene), aber in einer für Prag ungewöhnlichen, denkmalgeschützten Lokalität. Zu Gute halten muss man den Veranstaltern, dass die Biennale trotz niedrigen Budgets und ohne finanzielle Unterstützung der Stadt überhaupt stattfindet und sie so das Kulturdenkmal Güterbahnhof auf den Schirm der internationalen Kunstausstellungen stellen.

P.S. Auch auf der Biennale in Venedig ist Ali Banisadr vertreten (in der Sektion "Love Me/ Love Me Not").

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