Freitag, 5. Juli 2013

1000 Euro brutto

Ein Kommentar
Grafitti von Banksy "No Future"
Im Bücherschrank reihen sich dicke Wälzer aneinander: Gombrichs "Geschichte der Kunst", Bücher zur Ikonographie und diverse schwere Ausstellungskataloge. An der Kühlschranktür klebt die Einladung zur nächsten Ausstellungseröffnung.
So oder so ähnlich könnte es bei einer Kunsthistorikerin aussehen. Höchstwahrscheinlich ist es eine Sie, die sechs, vielleicht mehr Jahre studiert hat. Sie hat fremde Sprachen gelernt und ein Erasmussemester in Italien oder Frankreich verbracht. Sie ist zur Biennale nach Venedig gefahren, hat sich den Louvre angesehen und Rom besucht. Sie ist mit Herzblut dabei und verbringt ihre Freizeit im Museum und die Freitagabende auf Galerieröffnungen. Kurzum: die Frau ist gut ausgebildet und versteht etwas von ihrem Fach.
Nach dem Studium hat sie kurz mit einer Dissertation geliebäugelt, sich aber dann doch fürs Geldverdienen entschieden.

Und was macht man da? Genau, ein Volontariat. Aber nicht im Museum - das "darf" man erst mit Promotion -, sondern beispielsweise in einer Galerie. Als Volontärin wird sie ein Jahr lang 40 Stunden pro Woche arbeiten und das dienstags bis samstags. Sie wird Überstunden machen, wenn eine Ausstellung vorbereitet und eröffnet wird oder eine Messe stattfindet. In den ersten Monaten bekommt sie dafür 1000 Euro brutto, in den folgenden 1300 Euro. Ob sie übernommen wird, ist völlig ungewiss.
Das kann doch nicht sein? Oh doch. Ein solches Volontariat bietet gerade eine nahmhafte Kölner Galerie an und ist nicht die Einzige.

Darauf hat die Kunsthistorikerin niemand vorbereitet. Die bittere Realität der Arbeitswelt wird im Studium vielerorts nämlich völlig ausgeblendet. Nicht umsonst sagt man dem Kunstgeschichte-Studium wohl nach, eher ein Zeitvertreib für schöne Millionärstöchter zu sein. 

Es ist ein Teufelskreis: weil es zu wenig Stellenangebote gibt (besonders für Einsteiger), greift man zu jedem Grashalm. Das kann natürlich schamlos ausgenutzt werden. Und so lange sich immer wieder Bewerber finden, die eine derartig niedrige Bezahlung für ihre Arbeitskraft in Kauf nehmen, wird sich an dem System wohl auch nichts ändern.

Foto von paul nine-o auf: http://www.flickr.com/photos/paulo2070/5199407792/

Kommentare:

  1. Wenn ich's nicht besser wüsste, würde ich meinen da oben steht mein Lebenslauf...

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  2. Echt? Ich kenne einen Kunsthistoriker (ich nehme an, dass er recht gut in seinem Fach ist), der bei Sotherby´s arbeitet. Wenn er in Europa ist, kann man ihn in London treffen, dort hat er seinen Master gemacht. Er verdient im Monat
    fast 4.500,- pounds, das ist für London zwar nicht super, aber man kann davon
    ganz gut leben. Vielleicht kommt es einfach darauf an, wie gut die Leute sind,
    aber das ist in allen Jobs so

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  3. Wirklich schöner Blog!
    Wir waren gestern auf der Ausstellung eines jungen Künstlers und sind sehr beeindruckt!
    Vielleicht wollt ihr euch es mal angucken?
    http://lasagnolove.blogspot.de/2013/07/disziplin-discipline.html

    Over&Out,
    Birdy and Bambi

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  4. Liebe Lena,
    das höre ich so oft und ich finde es auch nicht richtig!
    Es ist sicher der Frust pur.
    Ich habe jetzt 1 1/2 Jahre Gastsemester an der FU Berlin zum Thema Kunstgeschichte absolviert und habe festgestellt, dass es ja wirklich fast nur Frauen sind, die diesen Studienzweig wählen. Ich glaube, die meisten haben keine Millionen....
    Interssant ist es, dass dann die wenigen Männer die Jobs bekommen, oder sehe ich es falsch?
    Willst du dann doch noch zur Dissertation zurückkehren?
    Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Erfolg, Susanne

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    1. Liebe Susanne,

      danke für deinen Kommentar!
      In meinem Beitrag war zwar einiges von mir selbst versteckt, aber ich habe nicht vor, eine Dissertation zu schreiben :).

      Viel Erfolg auch dir und allen anderen Kunsthistorikerinnen auf der Suche nach dem richtigen Arbeitsbereich oder der richtigen Entscheidung
      Lena

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  5. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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  6. Im Kern stimme ich den Beobachtungen zu dem Kommentar zu, will aber einige Stellen aber aus meiner Sicht etwas korrigieren.
    1. Dass man als Studentin von dieser Dimension prekärer sozialer Lebensverhältnisse von GeisteswissenschaftlerInnen während des Studiums nichts mitbekommen hätte, kann ich nicht glauben. Soweit ich das einschätzen kann, hat sich die Lage in den letzten 25 Jahren kaum verändert. Dabei besitzen AbsolventInnen der Kunstgeschichte ja noch Institutionen wie Archive, Galerien, Museen, Messen, Kunstvereine, Tourismus etc. Was sollen AbsolventInnen der Philosophie oder Soziolgie sagen, von den wirklichen Orchideenfächern zu schweigen? Ganz davon abgesehen, betrifft die schlechte Bezahlung sowie die Befristung der meisten Verträge für Berufseinsteiger heute auch JuristInnen sowie BWLerInnen und NaturwissenschaftlerInnen sowieso. Die Akademikerarbeitslosenquote (was für ein Wort) beträgt in D. ca. 4 %.
    2. Das Wort "dürfen" im Zh. mit dem Volontariat stört mich. Eine Promotion unterschätzt man leicht, besonders hinsichtlich gewisser Nebeneffekte. Diese befähigen Promoventen i.d.R. nach dem Abschluss wirklich komplexe Sachverhalte konzeptionell zu erschließen. Wissenschaft benötigt Zeit und diese Zeit muss sinnvoll selbst organisiert werden. Hier trennt sich rasch die Spreu vom Weizen. Von einer promovierten Volontärin kann ich auf dieser Basis eine inaltliche, methodische und pragmatische Selbstständigkeit erwarten, die so gut wie kein(e) MasterabsolventIn besitzt.
    3. Was mich generell stört ist, dass sich die meisten Studierenden des Fachs nicht interessant genug machen (die Betreiberinnen dieses Blogs sind ja eine wunderbare Ausnahme!). Sie sind nicht in der Lage zu sagen, was Sie bieten, warum man Sie wofür auch immer einstellen könnte. Sie können sich und die eigenen Fähigkeiten nicht in einen größeren ZUsammenhang stellen. Scheuklappen allerorten. Kaum eine, die überregionale Zeitungen oder internationale Kunstmagazine ließt (eine der Blogbetreiberinnen war bereits als Studentin Leserin der SZ, wie ich weiß), kaum eine, die sich die Frage stellt, was das alles soll.
    LG StS

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    1. Danke für diesen ausführlichen Kommentar!

      Zwei Dinge würde ich gerne noch hinzufügen bzw. ergänzen.

      Aus meiner Erfahrung an einer österreichischen Hochschule kann ich sagen, dass es kunsthistorische Institute gibt, die nicht viel Wert darauf legen, paxisnahe Angebote zu machen. Die Heinrich Heine-Universität Düsseldorf dagegen ist sicher ein gutes Beispiel für lebensnahe und praktische Projektseminare und Ringvorlesungen, in denen sich Menschen mit ihren Berufe und Lebensläufen vorstellen. Hier kann man als interesierter Student also einiges mitbekommen und bekommt Perspektiven eröffnet auch jenseits der herkömmlichen Berufsfelder! An anderen Instituten hingegen kommt es dann eben leider mehr auf die eigene Inititative an.

      Und ich stimme vollkommen damit überein, dass Promoventen fachlich und methodisch besser ausgebildet sind. Aber mich stört, dass es im Kunstbetrieb vielerorts vorausgesetzt wird, dass man eine Promotion hat und ohne diese keine Möglichkeit hat, in den Bereich hineinzukommen. Auch wenn vielleicht die Aufgaben, die in diesen Position zu bewältigen wären, nicht unbedingt Kenntnisse und Fähigkeiten eines/r Promovierten verlangten.

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