Donnerstag, 12. September 2013

GASTBEITRAG: Kohle für Barcodes

Anke Ernst über die Ruhrtriennale // bis 06.10.2013

Ein Typ eilt telefonierend an mir vorbei und teilt seinem Gesprächspartner mit, dass hier irgendwo die „Kokserei“ sein müsse. Zur sogenannten Kokerei bin ich auch unterwegs. Es ist Ruhrtriennale!

Das internationale Festival der Künste in der Metropole Ruhr umfasst neben Tanz, Musik und Theater natürlich auch die bildende Kunst. Fünf Installationen werden bis zum 6. Oktober in herausragenden Industriedenkmälern der Region präsentiert: In Essen zeigen sowohl Douglas Gordon und rAndom International (beide im Welterbe Zollverein) als auch William Forsythe (Museum Folkwang) ihre Werke, Ryoji Ikeda hat in der Duisburger Kraftzentrale gewirkt und Mischa Kuball und Dan Perjovschi sind rund um die Jahrhunderthalle Bochum vertreten.

rAndom International: "Tower", Welterbe Zollverein Essen (Foto: Anke Ernst)
Mich empfängt kein gesundheitsschädigender Kohlestaub, dafür die bis ins Mark dringende, weitverzweigte Videoinstallation "Silence, Exile, Deceit" des Schotten Douglas Gordon, die auf Architektur, Sound und Geschichte setzt. Die Atmosphäre der Kokerei in Essen spielt perfekt mit der bildenden Kunst zusammen. Es ist ein bisschen wie in einer Geisterbahn mit kulturellem Anspruch. Eine Sopranistin steigert sich in den Wahnsinn, eine Cellistin improvisiert zur Zauberflöte, zu Händel und Freddy Mercury. Vom Sound getrennt laufen Sequenzen auf gezielt platzierten Bildschirmen. Ich finde Gegenstände, die in den Videos vorkommen und werde so zur Erzählerin einer beklemmenden Handlung, an deren Ende die kindliche Freude stirbt.
Ryoji Ikeda: "test pattern [100 m version]", Duisburger Kraftzentrale (Foto: Anke Ernst)
Besucher oder Teil der Installation? Bei "test pattern [100 m version]" in Duisburg kann ich wählen, ob ich von der Empore aus zuschaue oder zur Kunst hinuntersteige. Auf die 100 Meter lange, weiche, weiße Fläche, die man nur ohne Schuhe betreten darf, projiziert der Japaner Ryoji Ikeda flackernde Barcodes – von der Bewegung der Besucher ausgelöst, zu ohrenbetäubender elektronischer Musik. Seh-, Gehör- und Tastsinn werden auf extreme Weise beansprucht. Hauptsächlich fühle ich mich jedoch wie Alice im digitalisierten Wunderland und möchte meinen schmerzenden Ohren nicht Folge leisten, sondern bleiben.
rAndom International: "Tower", Welterbe Zollverein Essen (Foto: Anke Ernst)
Die Kunst der Ruhrtriennale muss sich nicht besonders anstrengen, um zu wirken, denn die beeindruckende industrielle Architektur eines anderen Jahrtausends leistet schon ganze Arbeit. Letztendlich wäre der "Tower" des Londoner Künstlerkollektivs rAndom International, der auf Schacht XII pro Minute 25.000 Liter Wasser herabprasseln lässt, an einem anderen Ort sicherlich nicht in ähnlichem Maße beeindruckend. Aber es ist eben auch eine Aufgabe der Kunst, ihre Umgebung miteinzubeziehen. Diese Grundbedingung erfüllen alle Werke – darüber hinaus werden wir in nachhaltig beeindruckende Künstlerwelten entführt.


Anke Ernst ist Chefredakteurin des Düsseldorfer Kunstmagazins INDEX
und freiberufliche Journalistin.
www.anke-ernst.net

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