Freitag, 27. Dezember 2013

GASTBEITRAG: Die Ruhe nach dem Sturm

Ronja Lotz zu: Lorna Simpson im Haus der Kunst, München // bis 02.02.2014

Bereits seit gut zwei Monaten läuft die Ausstellung der gebürtigen Amerikanerin Lorna Simpson im Haus der Kunst in München. Zugegeben: In letzter Zeit hat das Ausstellungshaus eher durch andere Neuigkeiten Furore gemacht. Erst zog das progressiv angelegte Festival of Independents, eine interaktive Veranstaltung mit viel Musik, Theater, Workshops und sogar einem Boxkampf Münchens Kulturbegeisterte in den ehemaligen NS-Bau. Dann die Nachricht, dass Okwui Enwezor, Direktor des HdK, zum künstlerischen Leiter der Biennale 2015 in Venedig auserkoren wurde. Zwischen all dem Tamtam droht die vergleichsweise stille Ausstellung von Lorna Simpson unter zu gehen. Höchste Zeit also sich auf zu machen, um nur sie zu sehen!

Lorna Simpson ist keine Unbekannte. Die 1960 in Brooklyn geborene Künstlerin nahm als erste Afro-Amerikanerin 1990 an der Biennale in Venedig teil – und im Jahr 2002 an der documenta XI unter der künstlerischen Leitung von Enwezor. Nun holt er Simpsons erste Retrospektive von Paris nach München.
In einer langen Galerie werden die frühen Werke aus den 80er Jahren bis hin zur Gegenwart ausgestellt. Auch drei Videos befinden sich unter ihnen – wobei gleich das Prägnanteste den Besucher beim Treppenaufgang zur Galerie erwartet. „Momentum“ (2010) heißt die konzeptionelle Videoarbeit und zeigt goldgetünchte Balletttänzer mit dicken Afroperücken. Simpson re-inszeniert hier eine Erinnerung aus ihrer Kindheit, als sie selbst mit ambivalenten Gefühlen als Ballerina im Lincon Center/ New York auftreten musste.




Immer spielt die lebhafte Amerikanerin in ihren Arbeiten mit Identität, unterschwelligem Rassismus, Herkunft und Gender – jedoch ohne einen offensichtlich anklagenden Unterton zu entwickeln. Zudem verweigert sie viele Informationen, die auf eine genaue Identität der dargestellten Personen in ihren schwarz-weiß Fotografien schließen lassen könnten. So sind die ausschließlich schwarzen Protagonisten, wie z.B. in dem Werk „Gestures/Reeanactments“ von 1985, von hinten oder nur ausschnitthaft dargestellt. Simpson erschafft dadurch Anti-Porträts. Oft versehen mit Textpassagen, die den Betrachter zusätzlich eher verwirren, als Dinge klar zu stellen.
Ausstellungsansicht "Lorna Simpson" HdK, 2013, Foto: Maximilian Geuter
So auch in ihrer 1995 entstandenen Serie „Public Sex“. Die Frage ist: Wo genau findet Sex statt? Große Landschaftsdarstellungen haben die Anti-Porträts verdrängt. Auf große Filzplatten gedruckt, ziehen die Landschaften manch neugierigen Besucher sehr nahe ans Werk. Hat man vielleicht den Sex übersehen? Steht dort nicht auf den Platten „Two women are kissing each other“? Und spricht nicht das Schild zu uns, dass dort im kleinen Auto ein Pärchen gleich öffentlich Sex haben wird? Subversiv verwendet die Künstlerin die Textpassagen in ihren Arbeiten um Voyeurismus zu thematisieren. Kunst mit doppeltem Boden – genau so (ver)führt Simpson die Betrachter, ganz still, durch ihre erste Retrospektive.
Ausstellungsansicht: "Lorna Simpson" HdK, 2013, Foto: Maximilian Geuter

RONJA LOTZ studierte Kunstgeschichte, Soziologie und Rechtswissenschaften in München und Venedig und arbeitet als freie Journalistin, u.a. für Artinvestor.

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