Montag, 9. Dezember 2013

GASTBEITRAG: Kolonialismus in Pariser Szene

zu: Pressereise nach Paris // von Anke Ernst

In der Kunststadt Düsseldorf einsteigen, 3:47 Stunden später mitten in einer Top-Kulturmetropole aussteigen: Der unkomplizierteste Weg nach Paris ist meiner Erfahrung nach der Hochgeschwindigkeitszug Thalys. Das habe ich jahrelang so gehandhabt (vorausgesetzt, ich habe es geschafft, früh zu buchen und damit günstige Tickets erworben). Und deshalb bin ich auch gerne für kunstgeflüster mit dem Zug auf Pressereise gefahren. Der Anlass: Ab Dezember 2013 fährt er drei- statt bisher einmal täglich ab Essen über Düsseldorf, Köln und Aachen nach Brüssel und Paris. Außerdem erhalten die Inhaber des Zugtickets bis Januar 2014 Vergünstigungen für zwei Ausstellungen in der französischen Hauptstadt. 
William Hodges: „A View of the Island of New Caledonia in the South“, 1777-78, Öl auf Leinwand, 159 x 215,5 x 11 cm, ©National Maritime Museum, London, Foto: Anke Ernst
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musée du quai Branly]
Der französische Forscher Louis Delaporte (1842-1925) malte als junger Mensch Landschaften und brachte als Erwachsener die Kunst der Khmer nach Europa. In der Ausstellung "Angkor – Geburt eines Mythos: Louis Delaporte und Kambodscha" (bis 13. Januar) porträtiert ihn das Musée Guimet mit nach ästhetischen und ethnologischen Gesichtspunkten ausgewählten Zeichnungen, Fotos, Originalskulpturen und Gipsnachbildungen der Kultstätte Angkor Wat. Mitunter sind die Nachbildungen übrigens besser erhalten als die Originale, sofern diese überhaupt noch existieren. Besonders gefreut habe ich mich über Arbeiten von Auguste Rodin, den Anfang des 20. Jahrhunderts die Khmer-Tänzer inspirierten.
Dick Bone: „L’Homme lézard“, 1992, Holz aus roter Eiche, Bambus, Lianen, Pigmente,
150 x 80 cm, ©ADCK-CCT, Foto: Anke Ernst
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musée du quai Branly]
Ein deutsches Schimpfwort für Ausländer ist eigentlich polynesischen Ursprungs und bedeutet schlicht "Mann": Die Kanaken und ihr reiches Kunsterbe präsentiert das musée du quai Branly im ersten Teil von "Kanak – Kunst ist eine Sprache" (bis 26. Januar), einer imposanten Ausstellung mit über 300 Exponaten aus europäischen und neukaledonischen Sammlungen. Für Frankreich ungewöhnlich selbstkritisch zeigen die Kuratoren Emmanuel Kasarhérou und Roger Boulay im zweiten Teil, wie der Westen die Kanaken wahrgenommen hat. Zu sehen sind nicht nur Dokumentationen von Pariser Kolonialausstellungen, die die Menschen aus Übersee als Exponate einsetzten. Auch die Entstehung von Stereotypen wie die des polygamen, menschenfressenden Kriegers oder der schönen Polynesierin, die zu Geschlechtsverkehr stets bereit ist, werden nachvollzogen. Beispielsweise anhand der Fotografien posierender Kanaken von Ernest Robin, den Brüdern Dufty und Allan Hughan, die über die vor dem Ersten Weltkrieg überaus populäre Postkarte verbreitet wurden.
Das Musée Guimet, Paris, Foto: Anke Ernst
Beide Ausstellungen arbeiten mit einem Aspekt der Malerei, den heute die Fotografie einnimmt: die Dokumentation. Die überaus ansprechende Schau im musée du quai Branly hinterfragt dabei kritisch, wann diese, so realitätsnah sie auch sein möge, eigentlich tatsächlich der Realität entspricht. Das Musée Guimet geht dieser Frage leider nur in einer kleinen – französisch gehaltenen – Fußnote nach: Fast entsteht der Eindruck, der Kolonialismus habe nur Gutes gebracht. Daher schlage ich folgende Reihenfolge vor: Kanaken, Delaporte, durch Paris schlendern.

Anke Ernst ist Chefredakteurin des Düsseldorfer Kunstmagazins INDEX
und freiberufliche Journalistin.
www.anke-ernst.net
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