Montag, 17. März 2014

„Eine Idee macht noch keinen Künstler.“


zum Film „Beltracchi – die Kunst der Fälschung“ // derzeit im Kino

Wolfgang und Helene Beltracchi mit einem "Max Ernst"

Er hat die gesamte Kunstwelt vorgeführt, Experten entlarvt, Auktionshäuser in die Irre geführt, große Sammler getäuscht. Wolfgang Beltracchi und seine Frau Helene sind Bonnie & Clyde des Kunstmarktes. Ein Dokumentarfilm von Arne Birkenstock zeigt Ausschnitte aus dem Leben des Paares nach ihrer Verurteilung und dokumentiert so den Wahnsinn eines raffinierten Betrügers.

Es beginnt medias in res. Beltracchi kauft auf einem französischen Trödelmarkt ein altes Gemälde, prüft kennerhaft Keilrahmen, Leinwandqualität, Farbe und Stempel auf der Rückseite. Der geneigte Zuschauer ahnt schon nichts Gutes. Und ja, nach sorgfältiger Entfernung jeglicher Farbe auf der Vorderseite bemalt er in seinem französischen Atelier die Leinwand neu. Das Werk einer Künstlerin soll es werden – die wollte er schon länger mal ins „Programm aufnehmen“.

Beltracchi fälscht und das vor aller Augen. Warum nicht als nächstes mal einen Max Ernst malen? Die 90 Minuten Film sind feinstes Schurkenspiel. Beltracchi gibt sich selbstbewusst als verkanntes Genie. Großkotzig, narzisstisch und gierig zeigen ihn eine schnelle Abfolge privater Fotos: die Familie in ihrer Villa, im Urlaub beim Segeln, alles luxuriös und unbeschwert fröhlich.

Der Film ist nicht ohne Sympathie für den Protagonisten, rückt aber dessen selbstverliebte Gedanken immer wieder in das rechte Licht, indem er Experten wie den Kunsthistoriker Henry Keazor, die Galeristen Sofia Komarowa oder den Auktionator Henrik Hanstein kritisch zu Wort kommen lässt.

An einer Stelle entfährt Beltracchi der Satz: „Eine Idee macht noch keinen Künstler.“ Diese Momente sind es, in denen er sich selbst entlarvt. Ein Nachempfinden eines Künstlers im Sinne eines „best of“ aller Techniken und Motive des Oeuvres macht eben noch lange kein Kunstwerk. Dass es auf die Zeitumstände ankommt, in denen ein Werk entsteht, den Hintergrund und vor allem auf das Suchen, Hadern, Scheitern und ja, die Idee, scheint Beltracchi auszublenden. Einen Max Ernst oder Heinrich Campendonk lediglich nachzuempfinden – und das, wie Beltracchi nicht müde wird zu betonen, auch möglicherweise weitaus besser als die Künstler selber – macht eben noch keine Kunst.

Nachdenklich stimmt aber das, was nicht explizit im Film angesprochen wird: wie kann es sein, dass Wolfgang und Helene Beltracchi seit 1970 über 300 gefälschte Kunstwerke unbemerkt in den Kunstmarkt einschleusen konnten? Durchforsten die Museumsdirektoren der Welt nun ihre letzten Einkäufe nach plötzlich aufgetauchten Meisterwerken der klassischen Moderne? Hinterfragt die Kunstwelt ihre Gier nach neuen Werken? Die aberwitzigen Preise, in denen es vielfach gar nicht mehr um das Kunstwerk an sich, sondern um ein Label, einen Namen geht?
Der Film ist ein Lehrstück über das, was Kunst und die Kunstwelt ist und gleichzeitig ein amüsantes Schurkenspiel mit Tiefgang.

Abb: von Senator Film, DIF, © Wolfgang Ennenbach, Fruitmarket Kultur und Medien. (http://www.filmportal.de/node/1197692/gallery), 17.01.2014

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